Home / Aktuelles / Wiederverheiratungskriterien

Wiederverheiratungskriterien

Vor allem im 20. Jahrhundert wurde nachfolgenden Kriterien eine entscheidende Bedeutung beigemessen, wenn es darum ging, die Höhe des Versorgerschadens zu bestimmen – wenn also (und davon gingen die Juristen aus) der Mann starb und der überlebenden Frau der Versorger fehlte: Es war die sog. „Wiederverheiratungswahrscheinlichkeit“ zu bestimmen. Je nachdem fiel der (finanzielle) Schaden, den die Witwe erlitt, höher oder tiefer aus.

Quelle: Roland BREHM, Das Obligationenrecht, Art. 41-61 OR, Berner Kommentar, Bd. VI/1/3/1, 2. Aufl., Bern 1998:

N. 112: Das Alter der Witwe. […] Je älter die Witwe ist, desto kleiner wird der Kürzungsfaktor – wenn nicht sogar auf eine Kürzung ganz verzichtet wird.

N. 113: Die Anzahl der Kinder. […] Wohl mag vielleicht eine Witwe mit zwei Kindern, wovon eines krank ist, für einen Mann weniger attraktiv sein […]. Die Erfahrung zeigt aber, dass die Wiederverheiratungsquote bei Witwen mit mehreren KIndern wieder ansteigt…

N. 114: Der Charakter einer Witwe. […] ist es weitgehend Ansichtssache, ob z.B. eine ruhige oder eine temperamentvolle Frau mehr Wiederverheiratungschancen besitzt.

N. 115: Die physische Attraktivität der Witwe […]. Auch dieser Massstab ist sehr fragwürdig, weil der männliche Geschmack sehr unterschiedlich ist.

N. 116: Die soziale Stellung. […] dürfte kaum bedeutend sein, es sei denn, die Witwe habe bisher auf grossem Fuss leben können. Dies reduziert die Chance, einen Fann zu finden, der finanziell dem Verstorbenen ebenbürtig ist.

N. 117: Die Vermögenslage der Witwe. Eine kapitalkräftige Witwe hat normalerweise mehr Chancen, einen neuen Ehemann zu finden […]. Umgekehrt sinken die Chancen einer Wiedeheirat nach Ansicht des Bundesgerichts, wenn die Witwe kein Vermögen besitzt, sondern z.B. auf einem ärmlichen und verlotterten gepachteten Bauernhof leben muss […].

Interessant wäre auch, zu wissen, ob im umgekehrten Fall, da also die Frau stürbe und der Mann überleben würde, man auch von einem „Versorgerschaden“ spräche. In der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts wohl schon. Der Berner Kommentar mit den entsprechenden Ausführungen wurde aber noch nicht neu aufgelegt. Und schon damals hielten die Kommentatoren fest, dass die vorerwähnten Kriterien nicht mehr auf dem neusten Stand seien… Was sich auch in den obigen Zitaten widerspiegelt.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Top